Gipfelglück, Gletscherwissen und ein Weg, der im Tagesverlauf verschwindet
Die Alpin AG auf Hochtour in der Silvretta – Sommer 2026
Vier Tage, zwei Hütten, ein Dreitausender: Von der Bielerhöhe über die Wiesbadener Hütte auf das Silvrettahorn (3.244 m) und weiter zur Jamtalhütte. Eine Tour, die uns nicht nur den Gipfel geschenkt, sondern auch eindrücklich gezeigt hat, wie sehr sich das Hochgebirge gerade verändert.
Tag 1: Gemütlicher Zustieg zur Wiesbadener Hütte
Bei bester Laune starteten wir an der Bielerhöhe in unser Hochtouren-Abenteuer. Der erste Tag war bewusst entspannt geplant: Vorbei am tiefblauen Silvretta-Stausee wanderten wir stetig bergauf, die mächtigen Dreitausender immer im Blick. Schon bald erreichten wir die Wiesbadener Hütte auf 2.443 Metern. Der kurze Aufstieg war ideal, um sich an die Höhe zu gewöhnen, die Ausrüstung noch einmal zu überprüfen und Kraft für den nächsten Tag zu sammeln. Beim Abendessen besprachen wir die Tour und teilten die Seilschaften für den nächsten Morgen ein. 
Tag 2: Der Mammut-Tag aufs Silvrettahorn
Der zweite Tag sollte der mit Abstand anstrengendste der ganzen Tour werden. Früh am Morgen brachen wir auf. Der Weg führte zunächst steil über Buckel und Platten bergauf, die der Gletscher über Jahrtausende rund geschliffen hat – ein Stück davon durch eine trockene Rinne. Dann betraten wir den Gletscher: anseilen, Steigeisen anlegen und Schritt für Schritt über das Eis nach oben. Nach mehr als 1.000 Höhenmetern erreichten wir schließlich den Gipfelgrat des Silvrettahorns. Für das letzte, ausgesetzte Stück versicherten M. und L. drei Seillängen mit Fixseilen. Daran gesichert stiegen alle mit Prusik bis zum Gipfel (3.244 m) auf. Die Belohnung: ein grandioser Rundblick über die gesamte Silvrettagruppe.
Der Abstieg verlangte uns dann noch einmal alles ab. Die Sommerhitze hatte den Gletscher den ganzen Tag über schmelzen lassen, und an einer Stelle war der Weg plötzlich nicht mehr zu finden. Der Grund: Durch die Rinne, in der wir am Morgen noch trocken aufgestiegen waren, floss jetzt ein Bach, den es am Morgen noch gar nicht gegeben hatte. Dadurch sah im Abstieg alles ganz anders aus als wenige Stunden zuvor. Zum Glück hatten wir am Morgen unseren GPS-Track aufgezeichnet. Damit war schnell klar: Der Weg auf die nächste Ebene führte genau dort hinunter, wo jetzt der Wasserfall rauschte. Nach etwas Suchen fanden wir eine eingerichtete Abseilstelle. Am Seil wurden alle nacheinander über die rund 15 Meter hohe Steilstufe abgelassen. Der Rest des Weges war dann unkompliziert. Nach über rund elf Stunden erreichten wir endlich wieder die Wiesbadener Hütte – erschöpft, aber mächtig stolz. 
Tag 3: Über den Gletscher zur Jamtalhütte
Am dritten Tag hieß es Rucksack packen für den Hüttenwechsel zur Jamtalhütte (2.165 m). Der Weg führte über die spärlichen Reste des Vermuntgletschers zur Ochsenscharte (2.913m). Auch hier waren die Spuren des Klimawandels deutlich zu erkennen. Statt über Schnee und Eis ging es dort über losen Schutt auf den Jamtalgletscher. Über diesen ging es bergab ins Jamtal. Mitten auf dem Eis legten wir noch einen Praxis-Stopp ein. Wir übten das Eindrehen von Eisschrauben und lernten, wie man eine Abalakov-Eisuhr baut: Mit der Eisschraube bohrt man zwei schräge Löcher so ins blanke Eis, dass sie sich treffen und einen kleinen Tunnel bilden. Durch diesen fädelt man eine Reepschnur fertig ist ein absolut zuverlässiger Abseilpunkt. Genial daran: Man muss keine teure Eisschraube im Eis zurücklassen. Und wie schon am Vortag stellte uns das Schmelzwasser des Jamtalgletscher am Nachmittag erneut auf die Probe: Der Gletscherbach war wieder so angeschwollen, dass der Pfad versperrt war. Also hieß es noch einmal: Gelände lesen, Ausweichrouten erkunden, den eigenen Weg finden. Unterwegs kamen wir dann noch an einem gewaltigen Murenabgang vorbei. Starkregen musste ihn in der Seitenmoräne des Jamtalgletschers ausgelöst haben, und die Schutt- und Schlammmassen hatten sich weit talauswärts in Richtung Galtür gewälzt. Seit sich der Gletscher zurückgezogen hat, hält kein Eis mehr den losen Schutt der Moräne zusammen. Nachdenklich machte uns: Genau auf dieser Moräne verlief früher der Wanderweg runter zur Jamtalhütte. Das Landschaftsbild der Alpen verändert sich zusehens. Müde, aber zufrieden kamen wir schließlich an der Jamtalhütte an.

Tag 4: Abstieg durch das Jamtal
Nach zwei fordernden Tagen auf Eis und Fels ließen wir es am letzten Tag ruhiger angehen. Von der Jamtalhütte stiegen wir durch das lange, wunderschöne Jamtal ab und liefen entspannt bergab bis zur Bushaltestelle. Mit müden Beinen, vielen neuen Erfahrungen und unvergesslichen Erinnerungen traten wir von dort die Heimreise an.
Der Klimawandel als ständiger Begleiter
Auf dieser Tour wurde an vielen Stellen sichtbar, wie stark der Klimawandel das Hochgebirge bereits verändert hat. Wo vor wenigen Jahren noch Schnee und Eis lagen und das Gehen einfach machten, liegt heute oft loser Fels oder steiles, abgeschliffenes Gelände. Die Gletscher sind sichtbar geschrumpft, ihre Zungen haben sich weit zurückgezogen. Durch die Hitze schwellen die Gletscherbäche an heißen Sommernachmittagen so stark an, dass sie Wege überfluten und Passagen ggf. unpassierbar machen. Und wo das Eis verschwindet, verlieren Moränen und Hänge ihren Halt Für uns heißt das: Routen, die früher als unproblematisch galten, stellen heute ganz neue Anforderungen. Wer im Hochgebirge unterwegs ist, muss flexibel bleiben, früh starten und immer mit Überraschungen rechnen. Die Hochtour der Alpin AG im Sommer 2026 war wieder ein echtes Bergabenteuer. Wir haben nicht nur Höhenmeter und einen Dreitausender gesammelt, sondern auch gelernt, wie wichtig Flexibilität, Orientierung und vor allem Zusammenhalt in der Seilschaft sind.
Emilio




